Therapiestrategien von repetitiven Vokalisationen bei Demenz

Antidepressiva

In einem Fallbericht mit zwei Proband:innen profitierten beide innerhalb der ersten 10 Tage von der Behandlung mit Citalopram in einer Dosis von zunächst 20 mg und später 40 mg am Tag [16]. Jedoch kehrte die Symptomatik nach Absetzen der Medikamente rasch wieder zurück [16]. Die Therapie mit Paroxetin führte in einer offenen Interventionsstudie mit 15 Proband:innen nach 3 Monaten zu einer Reduktion der Vokalisationen um 67–71 %, jedoch traten Nebenwirkungen wie die Verschlechterung eines Parkinsontremors und Gewichtszunahme auf [17].

Antipsychotika

Risperidon erwies sich in einer Fallserie wirksam: Die Vokalisationen konnten auf weniger als 10 % des ursprünglichen Wertes reduziert werden, wobei auch hier die Symptomatik nach Absetzen wiederkehrte [12]. Haloperidol war Risperidon in einer Post-hoc-Analyse aus einer randomisierten, doppelblinden Studie nicht signifikant überlegen und ging stärker mit Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Somnolenz einher [18]. Die Antipsychotika Thioridazin, Haloperidol und Perphenazin brachten in einer weiteren Fallserie eine uneinheitliche Wirkung hinsichtlich repetitiver Vokalisationen hervor [19]. Dabei wurden durch den Einsatz von Thioridazin keine Veränderungen oder Verschlechterungen erzielt, hingegen konnte bei Anwendung von Haloperidol das gesamte Spektrum von Verbesserungen, ausbleibenden Effekten und Verschlechterungen beobachtet werden [19]. Perphenazin wurde lediglich bei einer Probandin eingesetzt [19]. Die Autoren haben einerseits diskrete Verbesserungen der Vokalisationen beobachtet, gleichzeitig aber auch Verschlechterungen, die jedoch nicht näher beschrieben wurden [19].

Antikonvulsiva

Der Einsatz des Antikonvulsivums Gabapentin konnte in einem Fallbericht die Frequenz und Intensität von vokal-disruptivem Verhalten reduzieren, jedoch verbunden mit einem nebenwirkungsbedingten Therapieabbruch, da es zum Auftreten von Myoklonien kam [5]. Ein Fallbericht verdeutlichte, dass Pregabalin zu einer Reduktion von Intensität und Frequenz der Vokalisationen über einen Zeitraum von über 9 Monaten führte [5].

Antidementiva/Acetylcholinesteraseinhibitoren

In der Sekundäranalyse einer Interventionsstudie mit 46 Proband:innen, die über 52 Wochen Donepezil erhalten hatten, konnten Verbesserungen bei 15 Proband:innen nach 3 Monaten und bei 12 Proband:innen nach 6 Monaten herausgestellt werden [20]. Generell kann durch den Einsatz von Acetylcholinesteraseinhibitoren und Memantine auf Verhaltensstörungen wie Agitation und Aggression, wenn auch uneinheitlich, eine leichte Wirksamkeit erzielt werden [21].

Weitere pharmakologische Ansätze

Cannabis-Öl erwies sich in einem Fallbericht ebenfalls wirksam: Nach Versuchsdurchführung reduzierte sich der CMAI für verbal nicht aggressives Verhalten von durchschnittlich 4 auf 2 Punkte [22].

Zu vielen pharmakologischen Interventionen wurden keine Studien oder Fallberichte detektiert, obwohl diese durchaus einen Einfluss auf Vokalisationen haben könnten [23]. Insbesondere Psychostimulanzien und Anxiolytika wurden in dieser Indikation nicht recherchiert. Auch könnten in Zukunft Psychedelika in dieser Indikation auf eine mögliche Wirksamkeit überprüft werden.

Nichtpharmakologische Interventionen

In einer Interventionsstudie konnte der Einsatz von schweren Gewichtsdecken, mit denen die Proband:innen während der Intervention bedeckt wurden, die Dauer der persistierenden Vokalisationen am Ende der Intervention signifikant reduzieren [11]. Die durchschnittliche Gesamtlänge der Vokalisationen bei Baseline-Bedingungen betrug 3,62 min (SD = 3,58) in einem 60-Minuten-Intervall, mit aufgelegten Decken 1,8 min (SD = 1,85) und nach Abnahme der Decken 0,9 min (SD = 0,99). Durch die Intervention konnte eine nicht signifikante Reduktion mit aufgelegter Decke (p = 0,0691) sowie eine signifikant geringere Dauer von persistierenden Vokalisation nach Entfernung der Decken (p = 0,033) erzielt werden [11].

Ebenfalls wurde in einer Interventionsstudie der Effekt von Audiotapes, welche die Geräusche eines Stroms oder Ozeans imitierten und den Proband:innen über Kopfhörer vorgespielt wurden, auf repetitive Vokalisationen überprüft [24]. Insgesamt konnte eine Reduktion verbaler Agitation um 11 % bei 9 von 13 auf die Intervention ansprechende Proband:innen erreicht werden [24].

Gruppenmusik bewirkte in einer weiteren Interventionsstudie eine statistisch signifikante Abnahme von verbal nicht aggressivem Verhalten nach 6 (p = 0,042) und 12 Sitzungen im Vergleich zum Vortest (p = 0,10) [25].

Weiterhin wurde eine Reduktion repetitiver Sätze von 60,8 % auf 27 % nach 4 Wochen durch personalisierte Musik erzielt [26].

Sensorische Stimulation mit der Hand reduzierte die vorliegenden Vokalisationen um 48 % während der Behandlung, jedoch verbunden mit einer erneuten Zunahme nach Behandlungsende [27].

Eine Longitudinalstudie, bei der eine sensorische Stimulation der Proband:innen erfolgte, stellte eine signifikante Abnahme von verbal agitiertem Verhalten in der Interventionsgruppe heraus [28]. Der CMAI für verbal agitiertes Verhalten der Interventionsgruppe sank von 14 Punkten im Pre-Trial auf 7 Punkte im Post-Trial und stieg im Follow-up auf 9 Punkte an [28]. Die Kontrollgruppe verzeichnete nach einer kurzen Reduktion von 12 auf 9 Punkte im Mid-Trial einen erneuten Anstieg auf 12 Punkte im Follow-up [28].

In einer randomisierten kontrollierten Studie erwies sich die sensorische Stimulation bei verbal agitiertem Verhalten im Vergleich zur Kontrollgruppe als effektiv [29]. Es wurden zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe signifikante Effekte für den CMAI zwischen Woche 0 und Woche 16 (F2,36 = 3,460, p = 0,042, η2 = 0,155) erzielt [29]. Für die Interventions- und Kontrollgruppe ergaben sich entsprechende Punktwertveränderungen bezüglich des CMAI. Für die Interventionsgruppe wurden im Pre-Trial 11 Punkte, im Post-Trial 6 Punkte und im Follow-up 14 Punkte notiert [29]. Für die Kontrollgruppe ergab sich ein Wert von 9 Punkten im Pre-Trial; 12 Punkten im Mid-Trial und 9 Punkten im Post-Trial [29].

Hinsichtlich des Einsatzes topischer Cremes konnten folgende Effekte erzielt werden: in der Pittsburgh Agitation Scale (PAS) für aberrante Vokalisationen zeigte sich ein signifikanter Gruppeneffekt (p = 0,018) und eine statistisch signifikante Reduktion in der Interventionsgruppe (p = 0,020) in Woche 4 im Vergleich zur Kontrollgruppe [30]. Jedoch konnten diese signifikanten Effekte in Woche 8 und 10 nicht mehr dargestellt werden [30]. Der CMAI brachte einen statistisch signifikanten Gruppeneffekt (p = 0,012) und Zeit-Gruppen-Interaktionseffekt (p = 0,024) hervor [30]. Für die Interventionsgruppe (p = 0,007) konnten ebenfalls signifikante Veränderungen in Woche 4 im Vergleich zur Kontrolle beobachtet werden [30].

Die Durchführung einer Aromatherapie konnte in einer randomisierten kontrollierten Studie eine signifikante Veränderung des CMAI für verbal agitiertes nicht aggressives Verhalten nach 4 Wochen (Effekt −2,92 (0,91); T‑Wert = −3,22; p-Wert = 0,018) hervorbringen [31].

Durch Ausführung eines professionellen Schulungsprogramms ergaben sich für die Interventionsgruppe nach 3 Wochen signifikante Verbesserungen der Vokalisationen: Durchschnitt 18,71 (p = 0,008); Zweiter Nachtest nach 3 Monaten: 17,50, p = 0,010 [32]. Im Vergleich dazu die Kontrollgruppe: erster Nachtest 17,21, p = 0,014; zweiter Nachtest 17,63, p = 0,067 [32]. Es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede im zweiten Nachtest der Kontrollgruppe [32]. Es wurden keine expliziten Punktwertveränderungen für den CMAI angegeben, sondern für verbal nicht aggressives Verhalten (VNAB) [32]. Für den VNAB inklusive repetitiver Vokalisationen zeigt sich in der Interventionsgruppe eine Abnahme des Gesamtdurchschnitts zwischen dem 1. und 2. Nachtest (von 18,71 auf 17,5 Punkte), während sich in der Kontrollgruppe eine Zunahme des Gesamtdurchschnitts zwischen dem 1. und 2. Nachtest darstellt (von 17,21 auf 17,63 Punkte) [32].

Die Anwendung eines weiteren Schulungsprogramms konnte folgende Ergebnisse erzielen: Zwischen Baseline und Woche 8 kam es zu einer signifikanten Reduktion für verbal-agitiert nicht aggressives Verhalten in der Interventionsgruppe von -0,41, (p < 0,001), jedoch nicht in der Kontrollgruppe (−0,04) [33]. Zwischen Baseline und Woche 20 ergab sich eine signifikante Reduktion von −0,47 (p < 0,001) in der Interventionsgruppe, nicht jedoch in der Kontrollgruppe (−0,03) [30]. In der Follow-up-Untersuchung waren die Effekte weiterhin stabil (Interventionsgruppe p < 0,0001; Kontrollgruppe p = 0,832) [33].

In einem Fallbericht erwies sich eine tiergestützte Therapie, bei der eine Probandin Zeit mit der Pflege eines Hundes verbrachte, als sehr effektiv [34]. Allerdings traten nach der Intervention andere unerwünschte, nachteilige Verhaltensweisen wie das Greifen nach Personen auf [34].

Lichttherapie führte in einer randomisierten kontrollierten Studie mit 60 Proband:innen zu einer signifikanten Veränderung von verbal agitiertem nicht aggressiven Verhalten direkt nach Beendigung der Intervention (β = −0,63, Waldχ2 = 13,39, p < 0,001), jedoch wurden keine expliziten Punktwertveränderungen detektiert [35].

Schließlich konnten Fallberichte zur Effektivität der Elektrokonvulsionstherapie (EKT) ein völliges Einstellen der Vokalisationen nach der dritten Behandlung darstellen, wobei dieser Effekt auch 4 Wochen nach der Entlassung anhielt [8].

Eine Reduktion vokal-disruptiven Verhaltens nach der dritten EKT-Behandlung wurde ebenfalls in einem Fallbericht beschrieben [36].

EKT führte zu einer Verbesserung von aberranten Vokalisationen, gemessen mittels PAS, von 3 Punkten auf 1 Punkt [37]. Es traten jedoch reversible Nebenwirkungen wie Verwirrtheit oder zunehmende Gangstörungen auf [37].

Folgend sind alle Ergebnisse sowie die Qualitätsbewertung der Studien mittels Jadad-Score und STROBE-Checkliste dargestellt (Tab. 1).

Tab. 1 Jadad-Score und STROBE-Checkliste sowie Effekte, Wirksamkeitsdauer und Nebenwirkungen der verschiedenen inkludierten Arbeiten

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